CANTATE!

Stuttgart vokal musiziert in seinem neuen Programm  CANTATE"unter der Leitung von Andreas Großberger Werke für Chor a cappella aus unterschiedlichen Epochen. Teile der Missa Rigensis (Rigaer Messe) des zeitgenössischen lettischen Komponisten Uģis Prauliņš bilden den roten Faden des Programms. Vor, zwischen ihren einzelnen Teilen und nach der Missa werden vor allem passende Vertonungen des 100. Psalms (Jauchzet dem Herrn, alle Welt!), des 96. Psalms (Singet dem Herrn ein neues Lied) sowie des 149. Psalms (Halleluja! Singt dem Herrn ein neues Lied) zu Gehör gebracht. Wir nehmen die Psalmendichter beim Wort und singen mit den Werken der Gegenwartskomponisten Prauliņš, Ives, Jackson und Elberdin tatsächlich „neue Lieder“.

 

Uģis Prauliņš Rigaer Messe wurde für den großen Chor des Mariendoms in Riga geschrieben und am Ostersonntag 2002 uraufgeführt. Seither ist das Werk von vielen namhaften Chören in aller Welt aufgegriffen worden. Es spiegelt eine Vielzahl von Einflüssen wider, unter denen Prauliņš mit seinem Werdegang steht: Chorknabe an der Rigaer Kathedrale, Absolvent der Rigaer Musikakademie, Keyboarder in Rockbands, Tonmeister beim lettischen Rundfunk, international tätiger Komponist und Interpret von Film- und Volksmusik als Vertreter der „baltischen Ästhetik“. In die facettenreiche Komposition gehen diese unterschiedlichen Erfahrungen erkennbar ein. Zudem bedient sich Prauliņš in seiner Missa bei Stilrichtungen verschiedener Musikepochen, und zwar insbesondere bei Alter Musik. Das Werk steht ausdrücklich im Geiste der großen Renaissancemessen.

 

Als Eröffnungsgesang unseres Sommerkonzerts fungiert das achtstimmige Jubilate Deo von Giovanni Gabrieli, ein Werk am Übergang der Renaissance zum Barock. Es folgt das Kyrie aus der Missa Rigensis von Uģis Prauliņš mit deklamatorischen Bitten, starker dynamischer Bewegung und einem meditativen Tenorsolo an seinem Ende. Cantate Domino, ein Werk des italienischen Barockkomponisten Giuseppe Ottavio Pitoni, wird diesem meditativen Ende kontrastierend gegenübergestellt.

 

Der barocke Jubel geht über in das Gloria der Missa von Prauliņš. Diese beginnt mit einem tänzerisch und duftig anmutenden imitierenden Wechselgesang, der sowohl Elemente des Barocks als auch Anklänge an Rockmusik (Basseinwürfe, Synkopen) erkennen lässt. Kurze Motive werden so miteinander verwoben, dass der Eindruck eines lebhaft bewegten Klangfadens entsteht. Das dramatische Domine Deus mit antiphonischen Gesängen geht über in das exaltierte Quoniam mit glockenartigen Orgelpunkten. Darauf folgt Heinrich Schütz‘ doppelchörige Motette Jauchzet dem Herren, alle Welt (SWV 36), welche die Technik des nachahmenden Wechselgesangs auf den Höhepunkt treibt. Die Musikpraxis der Doppelchörigkeit hatte Schütz in den Studien bei seinem Lehrer Gabrieli in Venedig vervollkommnet.

 

Das Credo der Missa Rigensis von Uģis Prauliņš beginnt mit pulsierende Clusterakkorden, die Bestimmtheit und Dringlichkeit vermitteln, und geht über in einen kurzen romantischen Chorsatz (et ex patre natum). Das Deum de Deo nimmt das rhythmische Drängen des Anfangsteils wieder auf, indem Glaubensinhalte in rotierenden Mustern deklamiert werden. Als musikalischer Kommentar auf die Bekräftigung der Menschwerdung Christi im Credo folgt das Stück Ubi caritas des britischen Komponisten Grayston Ives. Das sich anschließende Cruzifixus aus dem Credo der Missa ist reine Klangbildmalerei: Hier hört man in synkopischen Mustern, wie jeder Nagel am Kreuz einzeln eingeschlagen wird, während sich in den Unterstimmen harmonische und rhythmische Figuren stetig wiederholen (Ostinato-Verfahren). Der Glaubensartikel über den Heiligen Geist (Credo in Spiritum Sanctum) lebt von der Verwendung rhythmisch skandierter Toncluster und glockenspielartiger Passagen, denen durch einzelne Stimmgruppen geflüsterte Textteile gegenübergestellt werden. Es schließt sich das langsam-meditative A Prayer of King Henry VI des englischen Komponisten Gabriel Jackson an.

 

Felix Mendelssohns romantische Psalmvertonung Jauchzet dem Herrn, alle Welt, führt auf das Sanctus der Missa Rigensis hin, welches zunächst verhalten beginnt. Es steuert jedoch auf das energische Osanna in excelsis zu, bei dem sich Prauliņš wiederum verschiedener Stile von Renaissance bis zur Rockmusik bedient, und endet in einem herrlich überraschenden Schlussakkord.

 

Der baskische Komponist Josu Elberdin verwendet in seinem Cantate Domino die englische, die lateinische und die baskische Übersetzung des Psalms 96. Letztere („Kanta Jaunari…“) bildet den mehrfach wiederkehrenden Refrain dieses mit seiner Leichtigkeit und Freude überzeugenden Stückes, das zeigt, dass der alte biblische Text auch in der Gegenwart nichts von seiner Kraft verloren hat.

 

(Maria Glodny)

Programm

Giovanni Gabrieli (1557-1612)
Jubilate Deo

 

Uģis Prauliņš (2001)

Kyrie eleison (aus: Missa Rigensis)

 

Giuseppe Ottavio Pitoni (1657-1743)

Cantate domino

 

Uģis Prauliņš

Gloria (aus: Missa Rigensis)

 

Heinrich Schütz (1585-1672)

Psalm 100 (SWV 36)    

 

Uģis Prauliņš

Credo – Teil I (aus: Missa Rigensis)

 

Grayston Ives (*1948)

Ubi caritas 

 

Uģis Prauliņš

Credo – Teil II (aus: Missa Rigensis)

 

Gabriel Jackson (*1962)

A Prayer of King Henry VI

 

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847)

Jauchzet dem Herrn, alle Welt

 

Uģis Prauliņš

Sanctus (aus: Missa Rigensis)  

 

Josu Elberdin (*1976)

Cantate Domino